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Hertha BSC Berlin - Steaua Bukarest

Theo  2005/12/15

Stürmisch wurde es erst nach dem Spiel

Hertha BSC Berlin - Steaua Bukarest 0:0
Olympiastadion Berlin, 15.12.2005
Zuschauer: 15003, davon vielleicht 150 Gästefans


Klar wusste ich vorher, dass beide Mannschaften in ihren ersten drei Gruppenspielen ohne Gegentor geblieben waren, dass Steauas Gruppensieg nur bei einer Niederlage noch in Gefahr hätte geraten können, dass Hertha der einzige Bundesligist ist, bei dem ich auch sonst öfters auf ein 0:0 tippe, und mit einem Unentschieden sicher weiter war. Trotzdem: Es war die letzte Chance auf Live-Fußball im Stadion vor der schrecklichen Winterpause, und beim vorherigen UEFA-Cup-Heimspiel gegen Lens war mir erst nach 20 Minuten der Fernsehübertragung der Gedanke gekommen, dass ich mich ja nur eine halbe Stunde in die S-Bahn hätte setzen müssen, um direkt dabei zu sein. (Kein Wunder, wenn man es nie anders gekannt hat, als dass der nächste Profiverein wenigstens 100 km weit weg ist.) Außerdem ist das Berliner Olympiastadion schon als Anlage an sich immer einen Besuch wert, und zum WM-Finale komme ich ja doch nicht rein. Also packe ich mich so warm wie möglich ein (einschließlich Bayern-Hof-Schal) und mache mich auf den Weg.
Am Bahnhof Friedrichstraße treffe ich genau gleichzeitig mit dem Zug nach Spandau ein, das passt, und als in Charlottenburg ein fünfzehn- oder sechzehnjähriger Haufen in Blau-Weiß zusteigt, eingehüllt in eine unglaubliche Wolke aus Bierdunst, und anfängt, von einer Nutte namens Franziska zu singen, weiß auch jeder, wo die Fahrt hingeht. Bei der Ankunft sind es noch anderthalb Stunden, bis es losgeht, aber die Stimme aus dem Lautsprecher fordert dazu auf, die günstige Situation an den Kontrollschleusen zu nutzen und jetzt ins Stadion zu gehen. Drumrum ist eh nur Nacht und Baustelle, also folge ich gehorsam und nähere mich der Arena über den östlichen Vorplatz. Zu keinem deutschen Stadion passt der Begriff "Arena" besser als zu diesem, mit ein wenig Phantasie fühlt man sich ins alte Rom versetzt und steht vor den Säulengängen des Kolosseums, nur dass sie damals schon die Sonnensegel oben drüber aufspannen und einholen konnten, während hier das Dach fest ist. Wie? Das heißt gar nicht Arena? Die Arcor-Arena gibt's noch nicht mal in Eschborn, sondern nur für Stalingrad und Counterstrike? Na sowas. Mache ich also erstmal einen Rundgang. Zum wievielten Mal ärgere ich mich jetzt eigentlich darüber, dass es in Berlin immer dunkel ist, wenn ich rauskomme? Die Weite des Maifelds bis zum Glockenturm ist leider nur zu erahnen, die bei seiner zwischenzeitlichen Sprengung 1947 zersprungene Glocke steht samt Reichsadler und Hakenkreuzen jetzt zum Anschauen rum, aber das Schwimmstadion vor dem Marathontor macht auch schon noch was her. Irgendwie glaubt man gar nicht, dass das ein 50-Meter-Becken ist zwischen den großen Tribünen.
Um kurz nach acht gehe ich dann nach drinnen, bald darauf erscheinen auch die Bukarester Spieler zum Aufwärmen - bei mir dagegen beginnt jetzt die Abkühlung, gegen die das Spiel später auch wenig Abhilfe bringen wird, aber das ist bisher ja allenfalls zu erahnen. Immerhin der Hertha-Fanblock in der Ostkurve lässt sich die Stimmung nicht verderben und singt unbeirrbar von Europacup und Meisterschaft. Schade, dass ich kein Herthaner bin - das würde mir auch Spaß machen, aber künstlich begeistern kann ich mich eben doch nicht. Zuhören und -schauen lohnt sich aber auch, die Akustik ist klasse, selbst die kleine Meute aus Rumänien am gegenüberliegenden Ende kann sich gut bemerkbar machen. Die Vorstellung, wie das bei wirklich vollen Rängen sein könnte, wärmt wieder ein bisschen. Ich habe mir einen etwas teureren Platz gegönnt, schließlich gibt es immernoch eine Laufbahn, und ich will ja in erster Linie Fußball sehen. Sollte ich jemals zu einer Leichtathletikveranstaltung herkommen, muss ich mir den aber auch merken: Block B4, direkt oberhalb von Ziellinie und Weitsprunggrube.
Nur wird heute leider wirklich kein großer Sport geboten; da traben Namen wie Kovac, Bastürk oder Gilberto über den Platz, als wollten sie sich auch nur eine etwas bessere Sicht auf den Ball verschaffen, ihm dabei aber auf keinen Fall zu nahe kommen. Würde Marcelinho ab und zu mal ein Doppelpass gelingen und nicht ständig nur die Kugel vom Fuß springen, wäre die Bukarester Verteidigung wohl zu knacken, so aber sind von den wenigen Torszenen die der Gäste allemal noch die gefährlicheren. Als kurz nach der Halbzeitpause ein Kopfball gegen den Pfosten von Fiedlers Gehäuse kracht, kommt kurz die Hoffnung auf, es würde vielleicht jemand aus dem Kälteschlaf aufwachen - den Rumänen gelingt es sogar tatsächlich, ein paar Minuten wach zu bleiben, bald aber fällt ihnen wieder ein, dass sie es ja gar nicht nötig haben, und die Partie erlahmt erneut. Wieso ich ab der 80. Minute tatsächlich stärker aus Angst vor einem Gegentor zittere als vor Kälte, kann ich mir gar nicht erklären, aber es ist so. Wahrscheinlich liegt es einfach daran, dass vom Parallelspiel Lens-Genua zwar der Halbzeitstand (1:1) angezeigt wurde, seitdem aber nichts mehr. Irgendwie verdoppelt das wohl die Spannung, bis sie durch den Schlusspfiff des Holländers Pieter Vink abrupt zu Ende ist. Begeistert ist niemand, alles eilt, um wieder wärmere Orte aufzusuchen.
Die S-Bahn bringt mich zurück, zum bisher einzigen mal in meinen vier Berliner Wochen gibt's eine Fahrkartenkontrolle. Keine Ahnung, was die bringen soll, der ganze Zug zeigt einfach seine Hertha-Tickets vor. Als ich aussteige, stelle ich fest, dass es in der Zwischenzeit zu regnen begonnen hat. Das Timing kann ich gerade noch akzeptieren.
Fazit: Kalt war es schon die ganze Zeit, stürmisch wurde es erst später in der Nacht