Spielberichte  /  Ausland

Deutschland - Argentinien

Theo  2005/06/21

Deutschland - Argentinien

Confederations Cup, Vorrunde Gruppe A
Deutschland - Argentinien 2:2 (1:1)
Nürnberg, Frankenstadion, 21. Juni 2005, 20.45 Uhr

Jaaa, am Samstag sehe ich Deutschland gegen Brasilien! Wahnsinn!
Aber ich will von vorne anfangen, schließlich habe ich mir vorgenommen, auch diesmal den ganzen, heißen Tag in der Stadt zu verbringen. Um halb elf parke ich beim Grundig-Hochhaus, die Schnauze gleich wieder in Richtung Autobahnauffahrt Fischbach - damit habe ich gute Erfahrungen gemacht, was die zügige Abfahrt nach dem Spiel angeht - und mache mich auf den langen Marsch in die Innenstadt (eineinviertel Stunden, etwa dreimal so weit wie in Leipzig). Zwischen Stadion und Zeppelinfeld wird schon einiges fürs Rahmenprogramm aufgebaut, "Human Table Soccer" und dergleichen Scherze - wer's mag...
Im Park am Ende der Großen Straße sorgt meine Kleidung (diesmal sandfarbene Jeans und ein dunkelgrünes Polohemd) schon wieder für Missverständnisse, als ein vielleicht zweijähriger, blonder Junge entgegenkommt, sich aber gleich in die Arme seiner Mutter flüchtet: "Da, Polizei!"
Weiter geht's durch ein Wohngebiet, wo fast alle Straßennamen irgendwas mit der Nibelungensage zu tun haben, und weiter, bis ich endlich die Unterführung unter dem Bahnhof durch und dahinter beim Königstor den Befestigungsring der Altstadt erreiche.

Kurzfassung Kulturteil:
In der Lorenzkirche werde ich gleich mit einem Schild empfangen: "Wussten Sie, dass wir künftig Eintritt erheben müssen, wenn nicht jeder Besucher freiwillig einen Euro spendet?" Wusste ich nicht, ist mir aber auch egal. Dazu gibt's noch Katzenmusik, an einer der drei Orgeln wird gerade ein Zungenregister gestimmt - ich nehme bald Reißaus. Wesentlich angenehmer: die katholische Liebfrauenkirche am Hauptmarkt, die ich zufällig gerade um 12.10 Uhr betrete, als dort eine kostenlose Führung beginnt. Tut alleine schon gut, eine Dreiviertelstunde im Kühlen zu sitzen! Danach 8 saure Zipfel verdrückt (wollte ich unbedingt mal wieder essen), ein Radler dazu, ein Rundgang durch St. Sebald und der Aufstieg zur Kaiserburg. Von oben lasse ich den Blick über die Stadt schweifen. Die Flutlichtmasten des Frankenstadions sehe ich auch, sie sind ziemlich weit weg, und die Hitze erreicht jetzt erst ihren Höhepunkt.

Auf dem Hinweg bin ich aber an einem Supermarkt vorbeigekommen, und tatsächlich finde ich ihn wieder, besorge mir eine Flasche mit 3 halben Litern Cola für 1,34€ (inklusive 15 ct Pfand), spare also 88,67% des Preises im Stadion und komme dort auch wieder an, ehe meine Zunge am Boden schleift oder mich der Hitzschlag trifft - die Flasche ist inzwischen halb leer.
Massenweise Zeit, es ist noch nicht mal halb fünf. Im Auto habe ich aber ein Badetuch und was zu lesen, damit mache ich mich auf dem Grünstreifen zwischen Parkplatz und Kleingartenkolonie breit, döse noch etwas, leere den Rest meiner Colaflasche und beobachte die immer zahlreicher vorübermarschierenden Fans in Adlertrikots. Das Modell "Fritz Walter" mit Schnürkragen scheint besonders beliebt zu sein. Irgendwie klingen ihre "Deutschland! Deutschland!"-Rufe aggressiver als die Anfeuerungen der Griechen in Leipzig, ich weiß auch nicht warum. Aus einem der vorbeifahrenden Polizeibusse macht der Beifahrer eine grüßende Handbewegung - ob der mich auch für einen der Ihren hält?
Höchste Zeit für mein Tigerschwein-T-Shirt! Das ist immerhin schwarz-gelb mit weißem Hintergrund, irgendwas Rotes muss man sich halt dazudenken - außerdem gibt es noch andere in Dressen von Halleschem FC und Sachsen Leipzig. Überhaupt hört man vergleichsweise mehr Sächsisch und Schwäbisch als Fränkisch.
Ich streune noch eine Weile ziellos durch die Menschenmenge rund ums Zeppelinfeld, ehe ich etwa um halb acht meinen Platz in der Nordkurve aufsuche. Der ist allerdings eine ziemliche Enttäuschung, obwohl immerhin Kategorie 3. Im ganzen Stadion kann ich nur ein einziges Rohr entdecken, dass von der vorderen Dachkante horizontal auf die Tribüne zuführt. Es geht in meinem Sichtbereich ungefähr vom rechten defensiven Mittelfeld diagonal übers Spielfeld bis zum Ende der linken Strafraumbegrenzung gegenüber. Mein Nachbar stellt die nahe liegende Frage: "Wenn ich mir eine Karte in der billigsten Kategorie gekauft hätte, säße ich wohl mit dem Rücken zum Spielfeld und müsste hinten rausschauen?" Egal, dass ich das Spiel im Fernsehen genauer sehen könnte als vor Ort, wusste ich ja vorher, und diesmal hab ich auch nicht vergessen, zuhause den Videorecorder zu programmieren. Und tatsächlich ist der Ball doch die meiste Zeit nicht hinter dem Rohr.

Die Aufstellungen werden verkündet, und das ist die nächste Enttäuschung. Kein Ballack, kein Podolski, will der Klinsmann wirklich um jeden Preis den Brasilianern aus dem Weg gehen? Sieht scheinbar so aus, aber die nominierten Spieler sind glücklicherweise anderer Meinung. Erst aber die Nationalhymne, in so einem ausverkauften Stadion echtes Gänsehautgefühl. Es ist mein erstes deutsches A-Länderspiel (das in Leipzig war mein erstes A-Länderspiel überhaupt), bisher hab ich nur ein paar mal die Junioren gesehen, und es fühlt sich gut an! Zumal unsere Jungs dann ja auch wirklich klasse mithalten und mit zwei herrlichen Toren für Begeisterung sorgen. Aber die schönste Szene ist Cambiassos 2:2. Es ist das meinem Sitzplatz gegenüberliegende Tor, aber ich bin genau in der Verlängerung der Schusslinie nach hinten, nehme den Flug des Balles Richtung linkes oberes Dreieck fast wie in Zeitlupe wahr, dann rauscht er unhaltbar ins Netz. Wegen solcher szenen bin ich Fußballfan! Gemein nur, dass damit auch das große Zittern beginnt. Vorher dachte ich, Brasilien im Nürnberger Halbfinale ist so gut wie sicher (wie schnell solche Überlegungen über den Haufen geworfen werden können, hätten die Ereignisse des folgenden Tages ja beinahe gezeigt!), und ob die dann gegen Deutschland oder Argentinien spielen, wäre vom Reiz her kein großer Unterschied. Aber jetzt habe ich Blut geleckt, ich will am Samstag noch mal Deutschland sehen! Das ist stimmungs- und spannungsmäßig einfach ganz was anderes. Außerdem will ich nicht, dass wir verlieren. In so einer Situation ist ein All-Seater jetzt echt scheiße - aber die anderen sehen das zum Glück genauso, die letzten 5 Minuten steht das ganze Stadion, und beim Schlusspfiff reiße ich die Arme hoch, obwohl wir doch nur unentschieden gespielt haben. Trotzdem klasse, am Samstag Deutschland-Brasilien, und dann von einem Spitzenplatz auf der Gegentribüne, meine teuerste Investition für dieses Turnier. Dabei hatte ich echt Sorgen, dass es z. B. Argentinien-Japan werden könnte, und nun hab ich doch alles richtig gemacht.

Als falsch erweist sich hinterher leider meine Überlegung bei der Wahl des Parkplatzes. Nichts ist es mit dem kürzesten Weg zur Autobahn, die Säcke haben einfach die Straße gesperrt! Ich muss umkehren und lande am Ende genau jenen Staus, den ich hatte vermeiden wollen. Volle 82 Minuten dauert es, bis ich endlich wieder auf der A9 Richtung Norden bin, die Heimat erreiche ich kurz vor halb zwei. Am Samstag mach ich das anders, in dem Wohnviertel mit den Nibelungen kann man doch sicher auch irgendwo parken, und mehr als 15, 20 Minuten vom Frankenstadion ist das auch nicht. Jedenfalls ist es einen Versuch wert. Vor dem Schlafengehen zieh ich mir das komplette Video von dem Spiel noch mal rein, bin eh noch viel zu aufgekratzt. Deutschland gegen Brasilien am Samstag! Wahnsinn!