Spielberichte  /  Ausland

Brasilien - Griechenland

Theo  2005/06/16

Brasilien - Griechenland

Confederations Cup, Vorrunde Gruppe B
Brasilien - Griechenland 3:0 (1:0)
Leipzig, Zentralstadion, 16. Juni 2005, 20.45 Uhr

Ein guter Tag beginnt mit dem Frühstück, also fange ich damit an: ein Apfel, ein Paar Weißwürste mit Brot, ein Topf Kaffee, ein Cola-Mix. Scheint eine ganz nahrhafte Grundlage gewesen zu sein, denn es hat bis zum Abend gereicht - wieder mal eine Bestätigung meiner Theorie, dass man meistens nur aus Langeweile isst. Kurz nach halb neun dann Abfahrt. Auf Autobahn hatte ich eigentlich nicht die ganz große Lust, deshalb habe ich die bei Gera verlassen und wollte die letzten 80 km die B2 nehmen. Ging auch wunderbar, bis kurz hinter Zeitz plötzlich der Wegweiser nach Leipzig rot durchgestrichen war. Vor mir waren aber noch drei andere Autos auf der ziemlich neuen straße unterwegs, also dachte ich, da wird schon noch eine Umleitung kommen. Am nächsten Ortsschild hieß es dann aber tatsächlich "Sackstraße", ohne dass irgendeine Alternative genannt worden wäre. Toll. Konnte ja nicht wissen, dass alle in Sachsen verfügbaren Umleitungsschilder schon in Leipzig selbst aufgebaut waren. Ich also runter von der Bundesstraße und erstmal durch das Dorf durch. Da wurde mir erst bewusst, dass das Ende der DDR doch noch nicht so lange her ist: Die Dorfstraße bestand aus dickem Kopfsteinpflaster und war in der Mitte vielleicht 30 cm höher als an den Rändern, man konnte richtig Angst um sein Auto bekommen! Nachdem ich mal kurz angehalten und einen Blick in den Atlas geworfen hatte, hab ich mich dann eben himmelsrichtungmäßig an der Sonne orientiert und fand ein Stück weiter glücklich wieder auf die B2 zurück, die schließlich auch vierspurig von Süden her nach Leipzig hineinführte.

Ca. 11 Uhr erste Station Völkerschlachtdenkmal. Von Länderspielstimmung noch nichts zu bemerken - mehrere Busse mit alten Leuten, eine Schulklasse, das Übliche. Am Denkmal, das eigentlich nur ein ziemlich überdimensionierter Bismarckturm mit einem Fischbassin davor ist, wird gerade gebaut. Vorne dran stützt sich ein überlebensgroßer Ritter auf sein Schwert, bezeichnet als "Sankt Michael", und oben drüber ist zu lesen: GOTT MIT UNS. Muss ich mir nicht unbedingt geben, spare mir also das Eintrittsgeld, drehe nur eine Runde und mache mich dann auf den Weg Richtung Zentrum.

Nun mag es sein, dass Leipzig irgendwann mal eine durchdacht beschilderte Verkehrsführung gehabt hat, jedenfalls gibt es genug Wegweiser nach allen möglichen Zielen, allerdings gibt es genausoviele Umleitungsschilder, und damit's auch wirklich lustig ist, sind 70% von denen gleich wieder rot durchgekreuzt. Leipzig baut unter anderem einen U-Bahn-Tunnel. Auf einer großen Kreuzung regeln zwei Polizisten den Verkehr und haben sichtbar Spaß dabei, aber zur Orientierung hilft mir wieder nur die Sonne, bis ich die Weiße Elster überquere (kein Vergleich zu Plauen!). Das Stadion ist auch am Fluss, also fahre ich jetzt dran entlang und sehe es endlich wirklich am anderen Ufer liegen. Noch darf man auch direkt vorbei fahren, aber nachmittags soll der ganze Bereich komplett gesperrt werden, weshalb die Parkplätze am Stadion nicht benutzbar sind. Strategisch günstig wechsle ich wieder auf die westliche Flussseite (also in Richtung Autobahn), biege in die nächste Seitenstraße und finde einen kostenlosen Parkplatz nur eine Viertelstunde zu Fuß vom Stadion, ideal.

Inzwischen ist es Mittag. Auf dem Weg in die Innenstadt komme ich zuerst an einem Gebäude der Universität vorbei, drei Schilder an der Tür: Institut für Hirnforschung, Sportwissenschaftliches Institut, Alzheimer-Zentrum. Ich mache mir so meine Gedanken über die Kombination, während ich weiter Richtung Bahnhof steuere. Eigentlich sollte die Jahnallee und ihre Fortsetzung da ziemlich geradewegs hinführen, bloß ist die Jahnallee in voller Breite einschließlich der Gehsteige eine Baugrube. Aber auch für Fußgänger gibt es Umleitungsschilder, durch Höfe und Hintergärten komme ich auch voran und erreiche nach einer halben Stunde den Hauptbahnhof. Der ist ja vor nicht allzu langer Zeit total renoviert worden, hat jetzt zwei Stockwerke mit Einkaufspromenaden; die unterscheiden sich aber kaum von denen, die es ja neuerdings in allen möglichen Städten auch gibt. Schon beeindruckender ist die eigentliche Bahnhofshalle, es ist ein Kopfbahnhof, in dem 23 Gleise nebeneinander enden. Da gibt's dann auch die ersten griechischen Fangesänge - ein Kamerateam hat eine kleine Gruppe gerade angekommener Griechen darum gebeten, viel ist es immernoch nicht. Ich setze meinen Stadtrundgang fort, schaue mal in die Nicolaikirche, von der 1989 die Montagsdemonstrationen ausgingen, und weiter zum Alten Rathaus. Ganz allmählich steigt die Zahl der blau-weißen Trikots in den Straßen, gelbe sehe ich noch keine. Über einer Tür steht: "Ausstellung Karikaturen aus der DDR - Eintritt frei" - kann man sich ja mal anschauen. Gezeigt werden sowohl regimekonforme als auch regimekritische Karikaturen, wobei aus heutiger Sicht die konformen eigentlich viel lustiger sind. Aber ehrlich gesagt erwähne ich das nur, weil ich dort genau soviel Zeit zugebracht habe, um anschließend die bemerkenswerteste Begegnung dieses Tages in Leipzig zu erleben.

Etwa um 2 Uhr stehe ich wieder auf dem Platz vor dem Alten Rathaus und schaue mir in einem Drehständer Postkarten an. Neben mir redet jemand mit einem komischen Akzent über die neue Handhabung der Abseitsregel. Ich schaue mich um, da interviewt gerade ein junger Journalist einen kleinen Kerl in dunkelblauem Anzug mit einem großen Dreckfleck unten an einem Hosenbein. Er sieht aus wie Sepp Blatter. Gut, sowas glaubt man ja erstmal nicht, ich bin nur zwei Meter entfernt, da müssten doch zumindest noch ein paar Gorillas in der Nähe sein. Außer einer dunkelhäutigen Hostess, die sich auf Englisch mit noch einem Krawattenträger unterhält, ist da aber niemand. Ich bleibe bei dem Kartenständer stehen und höre weiter zu. Schließlich fragt der Reporter, was er denn davon halte, dass es in Leipzig jetzt so ein tolles Stadion gebe, aber weit und breit keinen Profiklub, der es auch regelmäßig füllen könnte. Ja, das sei natürlich nicht gut, man sollte doch gemeinsam etwas dafür tun, dass erstklassiger Fußball auch in den östlichen Bundesländern und speziell in Leipzig geboten werde. Wie er sich das denn vorstelle? "Wissen Sie, es gibt doch so viele Vereine, die haben alle viel zu viele Spieler. Wenn da jeder einen oder zwei abgeben würde, könnte man in Leipzig eine starke Mannschaft daraus aufbauen." Da erst bin ich mir hundertprozentig sicher: So ein Vorschlag kann nur vom FIFA-Präsidenten höchstpersönlich kommen! (Später am Stadion ist dann noch Hansi Müller, aber der ist dagegen ja fast schon B-Prominenz.) Nachdem ich mir zwei Postkarten gekauft habe, gehe ich Kopf schüttelnd weiter.

Den größten Teil des Nachmittags verbringe ich in der Thomaskirche und im Johann-Sebastian-Bach-Museum, wo Bachs Leben und Weiterleben in Leipzig interessant dokumentiert ist. Die Frau an der Kasse ist Griechin und hält mich wohl zunächst auch für einen, ich habe aber nur so ein blaues T-Shirt an. Sie ist begeistert, dass heute so viele Landsleute in der Stadt sind. Die Aufseherin dagegen ist mittelmäßig entsetzt, als ein kleiner blau-weißer Junge seine Hupe betätigt.

Beim Verlassen des Museums muss ich mich überall durch fröhliche Griechen drängeln, die vor den Restaurants sitzen. Ich spaziere noch am Neuen Rathaus vorbei, das wie eine Festung eine ganze Ecke der Altstadt einnimmt, und durch den großen Park, wo die Studenten (und Studentinnen) die Sonne genießen, um mich gegen 6 Uhr allmählich wieder dem Zentralstadion zu nähern. Ich komme von Süden über die Festwiese, von wo die baumbestandenen Wälle des alten Stadions mit dem breiten Treppenaufgang einen grandiosen Anblick bieten. Auf einem steinernen Podest singen, tanzen und trommeln Griechen, während die Fans sich in zunehmendem Strom über die Wiese wälzen. Hier gibt es jetzt doch auch einige in brasilianischen Farben, aber 95% von denen sind garantiert unecht. Man sieht sie, aber man hört sie nicht. (Wieder in Hof hab ich mir noch die Wiederholung von Stefan Raab angeguckt, da wurden einige Paradebeispiele vorgeführt.) Bei mir machte sich jetzt doch ein unüberhörbares Magenknurren bemerkbar. Eine dicke Bratwurst für 2,50 hätte kaum geholfen, aber ein kaltes Schnitzel für 3,50 konnte ich akzeptieren. Einen halben Liter Cola zum gleichen Preis nicht, auch wenn ich später während des Spiels doch beinahe schwach geworden wäre. Aber gewisse Prinzipien sollte man einhalten, außerdem wäre in der Halbzeit die Schlange viel zu lang gewesen.

Kurz nach sieben treffen die Mannschaftsbusse ein, erst die Brasilianer, eine Minute danach die Griechen, die von ihren Spalier stehenden Landsleuten frenetisch begrüßt werden. Und dann ist auch Einlass ins Stadion selbst. Ein freundlicher Bursche namens Sebastian Sonntag tastet mich kurz ab, dann kann ich mich auf den beschwerlichen Weg zu meinem Platz machen. Erst außen den Wall hoch, dann innen den Wall runter und ins neu gebaute Stadion hinein, dort wieder Treppen aufwärts. Jemand schimpft: "Ist das hier 'n Stadion oder 'ne Treppe?" Es ist natürlich ein Stadion, und ein ziemlich überwältigendes dazu. Mein Platz ist auf der Gegentribüne, der Westseite also, ca. zehnte Reihe von oben, halbwegs zwischen Mittellinie und Eckfahne der nördlichen Spielfeldhälfte. Gesichter kann man unten keine mehr erkennen, aber für taktische Analysen ideal. Leider ist die Videowand teilweise von einem Dachträger verdeckt, deshalb steige ich bis ganz nach oben und schaue mir von dort aus noch die letzten 20 Minuten Japan-Mexiko an, wo sich aber nicht mehr viel tut. Wie von einem Aussichtsturm überblickt man von dort auch die Stadt Leipzig, um die Altstadt zu sehen muss ich aber nochmal nach unten und auf der Ostseite hinauf, komme einigermaßen ins Schwitzen dabei. Dort ist auch die Pressetribüne, bekannte Gesichter kann ich aber keine entdecken. Inzwischen erscheinen die ersten Spieler zum Aufwärmen, begrüßt mit Pfiffen (die Brasilianer) und lautem Jubel (die Griechen).

Auch während des Spiels - das die meisten ja gesehen haben werden, deshalb kann ich mir eine Analyse wohl sparen - nur griechische Sprechchöre, die tapfer bis zum Ende durchgehalten werden. Außer bei "Olé, Hellas, olé, olé!" kann ich leider mangels Sprachkenntnis nicht mittun, und natürlich verhindert der Spielverlauf allzu überschäumende Begeisterung. Jeweils nach den Toren macht sich auch eine irgendwo links unten versteckte Sambatruppe bemerkbar, durch die Akustik des Stadions sind die Trommeln überall gut zu hören. Übrigens: Samba rules (wenn man weit genug weg ist)! Dafür sucken Mücken, und die fallen mit anbrechender Dunkelheit vom Fluss her in immer größerer Zahl ein. Ich lasse mir aber den Genuss nicht verderben, bleibe natürlich auch bis nach dem Schlusspfiff und Trikottausch. Schließlich habe ich einen Platz direkt am Treppenaufgang, so dass ich doch ziemlich zügig aus dem Stadion komme. Um 11 Uhr bin ich wieder beim Auto und um halb eins zurück in Hof. War ein klasse Tag!